Foto: Harald BoenischMäc Härder begeisterte beim Ellertaler Kulturherbst der SPD
Lohndorf. Ja, hat der Mann mit dem breitem Grinsen und den frechen Sprüchen da oben auf der Bühne schon die Midlifecrisis-Krise – oder steht sie ihm noch bevor? So wie den meisten gestandenen Mannsbildern im Saal der Brauerei Reh in Lohndorf? Mäc Härder, die kabarettistische Allzweckwaffe im fränkischen Grammatik- und Sprachdschungel, hat sich eine eigene Therapie für seine Abschiedsjahrzehnte verschrieben. So lange er noch die „Radieschen von oben“ (so sein neustes Programm) und nicht von unten betrachten kann und noch nicht die Dienste des „Good bye-Assistent“ in Anspruch nehmen muss, wird’s wohl noch nicht ganz so schlimm werden. Oder etwa doch?
Die Frage scheint nach einem Abend wie diesen berechtigt: Denn das Dumme an seiner Radieschen-von-oben-Therapie ist: Nicht nur er wird älter und älter, sondern alle anderen um ihn herum auch. Die Demographie-Falle in der Seniorenrepublik Deutschland schnappt gnadenlos zu zu wie ein gefräßiges Amazonas-Krokodil. Immer und überall.
Kukident-Lauf
Als Nachtwächter eilte Mäc Härder beim Ellertaler SPD-Kulturherbst im Sauseschritt durch die kommenden Jahrzehnte. Und, oh Graus, er verkündete Gräuliches (zumindest für den SPD-Ortsverein): Die Akteure von heute sind immer noch die Akteure von morgen. So regiert eine Bundeskanzlerin namens Angela Merkel 2038 immer noch. Natürlich, das ist ja ihre Stärke, mit wechselnden Koalitionen. Eine ihre Nachfolgerinnen, einige Jahrzehnte später, ist eine Christina Schröder, die sich doch in der Jetzt-Zeit gerade von der Politik verabschiedet hatte.
Der Zahn der Zeit macht einige kleine Änderungen im Seniorenparadies notwendig: Der Berlin-Marathon wird zum Kukident-Lauf. Und die Fahrradwege werden flächendeckend durch Rollatorstreifen ersetzt. Sterben ist out, auch wenn die „Silver Generation“ der „Erlösung näher als der Versuchung ist“, wie Mäc Härder (selbstkritisch?) konstatierte. Die Bestattungsunternehmen werben angesichts der ausbleibende Kundschaft verzweifelt mit dem Slogan: „Wir legen Sie nur einmal rein!“ Und in der Disco werden die rüstigen Rentner auch schon mal mit einem coolen Szenespruch angepflaumt: „Jetzt kommen die auch schon zum Sterben hierher!“
Rehbock für Radieschen
Auch Lohndorf muss sich dem gleichfalls immer älter werdenden Zeitgeist anpassen: Aus dem Jahrhunderte alten Jungbrunnen in der Fränkischen Toskana wird „Alt-Lohndorf“. Doch Mäc Härder hat an diesem an Pointen, Wortwitz und Kalauern reichen Abend Trost für sein hiesiges Publikum parat: „Trinken Sie ein paar Rehbock-Biere, dann verdoppeln sich die Radieschen!“ Wohl gemerkt: die von oben...
Im zweiten Teil seines Programms obduzierte Mäc Härder, mit über 50 Lenzen „zu alt für Pickel, zu jung für Prostata“, die Anglizismen in der deutschen Sprache. Aus dem „Outdoor-Freak“ wird der „Außentür-Verrückte“, also ein „Zeuge Jehovas“. Auch der Name eines berühmten Schauspielers kommt unter´s kabarettistische Messer: Aus Johnny Depp wird schlicht Hain Blöd.
Gegen Ende seines Programms führte der selbst ernannte „König von Franken“ - offen blieb: aus Einsicht oder wegen einer gewissen Altersmilde? - sogar die die Demokratie ein. Allerdings nicht per Volks-, sondern per Summ-Entscheid. Dieter Bohlen oder Brüderle? Solche existentiell wichtigen Fragen wurden nun durch zusammengepresste Lippen entschieden. Und dass das Volk reifte mit den Fragen - und erzwang mit einem eindeutigen Lippenbekenntnis eine artistische Schlussnummer. Der Brauerei-Saal durfte eine Zäsur erleben – die schwebende Jungfrau ist megaout. Denn Mäc Härder, ohnehin ein Jongliermeister der kleinen Bälle, präsentierte dem begeisterten Publikum in einander verkeilte Jungmänner, die in ein Meter Höhe der Gravitation trotzten.
Thomas Pregl